Ca. 120 Schüler der 10. Klassenstufe des Hölderlin-Gymnasiums in Nürtingen lauschten gespannt den Erzählungen des Holocaust-Überlebenden Mieciu Langer.
Die Schüler des Hölderlin-Gymnasiums der zehnten Klassenstufe hatten letzten Donnerstag die einmalige Chance, die Erlebnisse eines Zeitzeugen der Judenverfolgung aus erster Hand zu erfahren. Bisher kannten sie die Zeit des Nationalsozialismus nur aus Geschichtsbüchern und den Medien.
Mieciu Langer war noch ein Kind, als der Zweite Weltkrieg begann. Er hat die Verfolgung der Juden im Krakauer Ghetto erlebt - und in fünf deutschen Konzentrationslagern als einziges Mitglied seiner Familie überlebt. Jahrzehntelang hat Herr Langer seine Erinnerungen für sich behalten.
Herr Langer: “Ich wollte in der Gegenwart und in der Zukunft leben. Das hat mir wahrscheinlich meine Lebensqualität gerettet.“ Inzwischen spricht er oft in Schulen, um die grausamen Verbrechen von damals nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Der Zeitzeuge berichtet den gebannt lauschenden Schülern eindrucksvoll, wie er die Hölle der Konzentrationslager durchlebt, durchlitten und letztlich überlebt hat.
Es ist ungewöhnlich still im Raum, als Herr Langer mit ruhiger Stimme und polnischem Akzent anfängt zu erzählen.
Mieciu Langer erzählt von seinem Leben im jüdischen Ghetto in Krakau, von der harten Arbeit in den Arbeitslagern, von den langen Todesmärschen, von den Deportationen in Viehwaggons und von der Gefangenschaft in den KZ-Lagern Plaszow, Czestochowa, Buchenwald, Rehmsdorf und Theresienstadt. Er erzählt von den schrecklichen Qualen, von der ständigen Todesangst, vom ewigen Hunger und von den Misshandlungen, Demütigungen und Erschießungen.
Die Daten und Fakten der Geschichtsbücher allein können uns nicht das "wahre" Bild der Vergangenheit zeigen, alles klingt distanziert und lange her. Wenn man jedoch ein Gesicht - einen Menschen - vor sich sitzen sieht, der alles am eigenen Körper erfahren hat, ergänzen sich Fakten und seine Erzählungen zu einem „wahren“ Bild und man fängt an zu realisieren, welche schrecklichen Dinge damals wirklich geschehen sind.
Herr Langer: "Dann war mein Schulkamerad an der Reihe. Er begann zu weinen und um Gnade zu bitten: 'Ich bin noch jung, ich will leben, ich habe gar nicht gewusst, dass ich etwas Schlechtes tue, ich bitte um Verzeihung, ich will leben.' Die Antwort des SS-Kommandanten: 'Aufhängen'. So wurde mein Schulkamerad gehängt, aber der Strick riss und er stürzte zu Boden. Er stand auf, weinte und bat erneut um Gnade. Daraufhin der SS-Kommandant zum Henker: 'Wenn Du ihn jetzt nicht richtig aufhängst, werde ich Dich persönlich aufhängen.' So starb mein Schulkamerad."
“Wir wurden in einen großen Saal gebracht, in dem an der Decke viele Duschköpfe angebracht waren. Wir hatten schon damals gehört , dass Leute in Badeanstalt ähnlichen Plätzen vergast werden. Man will Panik vermeiden. Das ist so ein schreckliches Gefühl von Angst. Man steht nackt unter der Dusche und ist davon überzeugt, dass im Bruchteil einer Minute Gas ausströmen wird und du wirst auf schrecklichste Art und Weise sterben. Ich kann dieses schreckliche Gefühl von Angst nicht weitergeben. Und auch nicht die große Freude, die uns befallen hat, nachdem die ersten Tropfen normales, warmes Wasser auf unsere Köpfe gefallen sind.“
Halbtot und an Typhus erkrankt , wird Mieciu Langer am 8. Mai 1945 aus Theresienstadt als 18-Jähriger von den Truppen der Roten Armee befreit. Nach Miecius Rückkehr nach Krakau stellte sich sehr schnell heraus, dass sein Vater, seine Mutter und sein Bruder Arthur, die er während des Krieges aus den Augen verloren hatte, nicht mehr am Leben waren.
Nach dem Krieg lernte er in einem Internat für jüdische Waisenkinder ein junges, hübsches Mädchen kennen, das er bald heiratete und heute immer noch seine Frau ist.
Heute lebt Mieciu Langer mit seiner Frau Felicia Langer (Verfasserin seines Buches: „Miecius später Bericht – Eine Jugend zwischen Ghetto und Theresienstadt“), die als Menschenrechtlerin international bekannt ist und1990 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, glücklich in Tübingen.
Der eine oder andere fragt sich vielleicht, wie dieser Mann in einem Land unter einem Volk, das ihm solche schrecklichen Dinge angetan hat, leben kann. Aus ihren Erlebnissen haben Mieciu und Felicia Langer gelernt, dass man im Geiste der Versöhnung leben muss und ein Volk nicht ewig für das, was seine Vorfahren getan haben, verdammen kann. Und genau das versucht Mieciu Langer mit seinen Vorträgen an die nächste Generation weiterzugeben: Eine bessere Zukunft ist möglich und machbar, solange man in Versöhnung lebt und sich gegenseitig verzeihen kann.
Anabel Tscheulin/ Katharina Böbel
Klasse 10 a